SYLVENSTEIN Rechtsanwälte | 2014 November
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November 2014

Noch einmal: Rechtsmissbrauch beim Widerruf von Verbraucherdarlehen

Mit dem von Banken häufig vorgetragenen Argument, Verbraucher handelten beim Widerruf von Verbraucherdarlehen zur Vermeidung einer Vorfälligkeitsentschädigung rechtsmissbräuchlich, beschäftigt sich bereits ein Blogbeitrag von Anfang November 2014. Nunmehr hat der Kollege Dr. Rochus Schmitz dieses Argument noch einmal aus der Warte eines Verbrauchers beleuchtet.

Sinn und Zweck des Widerrufs von Verbraucherdarlehen

Rechtsanwalt Dr. Schmitz zitiert einen seiner Mandanten: „Grundsätzlich hat die Bank natürlich Recht: Ich fordere das Geld zurück, weil der Gesetzgeber es zulässt, und nicht, weil ich mit dem Vertrag nicht einverstanden war.“ – Damit sagt der Verbraucher: Ich weiß, dass das Widerrufsrecht eigentlich andere Fälle im Blick hat; der Verbraucher soll nämlich bei so bedeutenden Entscheidungen wie dem Entschluss, einen Kredit aufzunehmen, eine gewisse Nachdenkfrist erhalten und eine womöglich situativ getroffene und vielleicht voreilige Entscheidung durch einen Widerruf noch zurücknehmen können, bevor er anschließend über viele Jahre lang gebunden ist. Das Widerrufsrecht wurde allerdings nicht eingeführt, um Verbrauchern in Zeiten günstiger Zinsen die Möglichkeit zu geben, sich von der vertraglich vereinbarten Zinslast zu befreien. Aber: Ist es dann nicht unlauter und rechtsmissbräuchlich, das Widerrufsrecht zu diesem Zweck zu nutzen?

Der Gesetzgeber hat das Problem gesehen und klar entschieden

Interessanterweise hat sich der Gesetzgeber diese Frage auch schon gestellt. Und er hat sie klar zugunsten der Verbraucher beantwortet. Wenn eine Bank oder Bausparkasse den Verbraucher abweichend vom gesetzlichen Muster falsch über die Möglichkeit des Widerrufs belehrt hat, besteht das Widerrufsrecht fort. Der Gesetzgeber hat gesehen, dass er damit dem falsch belehrten Verbraucher ein unverhofftes Geschenk macht. Aber er hat sich entschieden, die Bank erst dann aus der Inpflichtnahme zu entlassen, wenn sie den Verbraucher korrekt belehrt – was sie ja auch nachträglich jederzeit tun konnte. Der Gesetzgeber hat womöglich nicht die Zahl, wohl aber die Art dieser Fälle vorhergesehen und sie eindeutig zugunsten der Verbraucher geregelt. Und es war kein Ding der Unmöglichkeit, korrekt zu belehren: Es gibt durchaus Kreditinstitute, die schon seit 2002 völlig richtige Widerrufsbelehrungen erteilt haben und mit den Rechten der Verbraucher nicht fahrlässig umgegangen sind. Wenn Verbraucher nun die Banken nach vielen Jahren erst in die Verantwortung nehmen, haben sie sicherlich Glück gehabt, aber Glück hat auch, wer von der unbekannten Tante etwas erbt oder wer die Farbe seines neuen Autos nicht schön findet und es dann wegen eines Motorschadens noch zurückgeben kann. Glück ist per se kein Rechtsmissbrauch.

Zeitliche Begrenzung des Widerrufs per Gesetz?

Natürlich gibt es einzelne Gerichte, die versuchen, die gesetzlichen Verbraucherrechte beim Widerruf von Verbraucherdarlehen einzuengen – etwa mit dem zweifelhaften Hinweis, dass die Belehrung über die Widerrufsfolgen nicht zur Belehrung über das Widerrufsrecht im Sinne des § 355 Abs. 3 BGB a.F. gehöre. Allerdings hat der Bundesgerichtshof bislang nicht von seiner Linie Abstand genommen, dass bereits jegliche auch nur formale Abweichung von der Musterbelehrung den Vertrauensschutz des Musters entfallen lässt. Er hat damit insbesondere den mit den klassisch falschen „frühestens-Belehrungen“ belehrten Verbrauchern den Widerrufsjoker in die Hände gespielt. Deswegen haben nach Presseberichten Banken und Bankenverbände in Berlin interveniert, um eine zeitliche Begrenzung des Widerrufs durch ein Gesetz zu erwirken. Dem Vernehmen nach hat das Bundesjustizministerium aber abgewunken und die Banken auf die geltende Rechtslage verwiesen. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass der Widerrufsjoker zumindest einige Kreditinstitute in eine bilanzielle Schieflage bringen könnte. Es liegt allerdings kaum in der Verantwortlichkeit des Gesetzgebers, ausgerechnet diejenigen Banken durch ein Gesetz zu retten, die es mit dem Gesetz nicht so genau genommen haben.

ING-Diba: Fehlerhafte Widerrufsbelehrungen weiterhin Gegenstand der Presse

SYLVENSTEIN Rechtsanwälte bietet Ihnen an dieser Stelle kurze Zusammenfassungen und Stellungnahmen zu einigen jüngst erschienen Berichten in Zeitungen und Internetportalen zum Thema fehlerhafte Widerrufsbelehrungen. Es geht insbesondere um Widerrufsbelehrungen der ING-Diba, das Thema Verwirkung. Zudem weisen wir auf ein interessantes Urteil des LG Köln hin.

FAZ: Ein Satz – Milliarden Schaden. Interview mit Sprecher der ING-Diba

Die FAZ zitiert in ihrem Bericht vom 6. November 2014 einen Sprecher der ING-Diba, der argumentiert, dass der Schutzzweck des Widerrufsrechts umgangen werde und widerrufende Verbraucher es allein auf attraktivere Konditionen abgesehen hätten. Die Argumentation der ING-Diba verwundert nicht, zählt dieses Institut doch neben der DSL Bank, der Deutschen Bank und einigen Bausparkassen zu den Banken, die am häufigsten falsche Widerrufsbelehrungen erteilt haben. Wir sind der Meinung, dass es zwar gute und weniger gute Gründe für den Gebrauch eines Rechts geben mag. Der Gesetzgeber nimmt jedoch gerade keine Unterscheidung nach der Motivationslage des widerrufenden Verbrauchers vor. So steht das Widerrufsrecht – wie übrigens auch beim normalen Internetkauf, ohne dass Amazon oder Zalando dies in Abrede stellen –  auch demjenigen zu, der drei Paar Schuhe online bestellt, obwohl er genau weiß, dass er nur zwei behalten wird.

ING-Diba Widerruf / Verbraucherrechte sind keine Gnadenrechte / Beschwerden zeigen Wirkung

In diesem Zusammenhang verweisen wir auf unsere ausführlichen Blog-Beiträge „Verbraucherrechte sind keine Gnadenrechte“ und „Widerrufsjoker als Rechtsmissbrauch„. Hier beschäftigen wir uns unter anderem mit der Frage der möglichen Verwirkung des Widerrufsrechts. Zu diesem Thema auch interessant der Blog-Beitrag des Kollegen Pabst, der die ING-Diba auf Folgendes hinweist: Man kann nicht nicht kommunizieren! In ihrem Beitrag zur ING-Diba verweist die FAZ zudem auf mögliche Absprachen von Banken im Hinblick auf die Verweigerung von Anschlussfinanzierungen hin, berichtet aber gleichzeitig, dass insoweit eine Beschwerde zum Bundeskartellamt bereits Wirkung gezeigt habe. Diese Erfahrung teilen wir: Noch keinem unserer Mandanten ist eine Refinanzierung nach einem Widerruf nicht geglückt.

Rechtsabteilungen von Banken überlastet

Wir haben jedoch festgestellt, dass Verhandlungen mit einigen Banken zunehmend beschwerlicher werden. Wir führen dies auf die große Anzahl von Verfahren zurück wie auch auf die Tatsache, dass einige Rechtsabteilungen schlicht überlastet sind. Zudem wird manchen Kreditinstituten wohl erst jetzt bewusst, welche Risiken hier in den Bilanzen schlummern. Weiterhin berichtet die FAZ noch zum Thema Kreditbearbeitungsgebühren und die Möglichkeit der Rückforderung durch Verbraucher. Auch mit diesem Thema beschäftigen wir uns bereits seit geraumer Zeit.

Test.de: LG Köln untersagt DSL Bank irreführende Aussagen / Spektakuläres Urteil

Die DSL Bank gilt im Hinblick auf konsensuale Lösungen zum Widerruf von Darlehensverträgen bzw. die Rückforderung gezahlter Vorfälligkeitsentschädigungen nicht als Vorreiter. Insofern dürfte vielen Verbrauchern die Entscheidung des Landgerichts Köln recht sein: Das Gericht untersagte der DSL Bank eine fehlerhafte Widerrufsbelehrung zu einem Kreditvertrag als „hinreichend und nicht irreführend“ zu bezeichnen und sich im Übrigen auf Verwirkung zu berufen. Die Bank zitierte hier offenbar Urteile, die auf die Rechtslage im konkreten Fall nicht anwendbar waren und hat ihren Ausführungen nach Ansicht des Gerichts eine unzutreffende Rechtslage zugrunde gelegt. Das Urteil dürfte es der DSL Bank in Zukunft (noch) schwerer machen, Verbrauchern den Widerruf ihres Kreditvertrags zu verweigern.

Weiterführende Informationen

Informieren Sie sich weiter zum Thema Widerrufs-Joker, Vorfälligkeitsentschädigung, etc. im Rahmen unserer FAQ und der Rubrik News auf unserer Homepage. Über eine kostenlose Kurzanfrage erhalten Sie von uns zudem eine Ersteinschätzung der Chancen für einen Widerruf Ihres Darlehens.

Erneutes FAQ-Update: Widerrufsjoker, Widerrufsbelehrung, Vorfälligkeitsentschädigung, etc.

Unsere FAQ Seiten erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit. Daher haben wir erneut häufige und typische Fragen für Sie zusammen gestellt. Individuelle Fragen beantworten wir weiterhin gerne auch über unser Kurzanfrageformular. Die Antworten spiegeln unsere Erfahrungen mit den Themen Widerrufs-Joker, Vorfälligkeitsentschädigung, etc. wider.

1. Was bringt der vorzeitige Widerruf meines Darlehensvertrags?

Das derzeitige Zinsniveau ermöglicht häufig eine Umschuldung oder Refinanzierung zu weitaus attraktiveren Konditionen. Hinzu kommt die Möglichkeit, Nutzungen geltend zu machen. Zur Veranschaulichung dient das Rechenbeispiel in unserem Beitrag vom 7. Mai 2014. Ebenfalls haben wir ein kurzes Youtube Video entwickelt.

2. Führt jeder Fehler in der Widerrufsbelehrung zur Widerrufbarkeit meines Darlehens?

Nein, nicht jeder Fehler führt automatisch zur Widerrufbarkeit des Darlehensvertrages. Hier muss man unterscheiden: Zu bestimmten Fehlern gibt es bereits gerichtliche Entscheidungen, so dass man in diesen Fällen von einer Widerrufbarkeit des Vertrages ausgehen kann. Andere Fehler waren noch nicht Teil von Gerichtsentscheidungen, können aber ebenso zur Widerrufbarkeit des Vertrages führen. Eine Einschätzung durch einen erfahrenen Anwalt ist daher in jedem Fall empfehlenswert.

3. Ein Darlehen aus 2007 habe ich bereits 2012 gekündigt, komplett zurückgezahlt und gleichzeitig eine Vorfälligkeitsentschädigung gezahlt. Kann ich – obwohl der Vertrag bereits abgewickelt ist – von einer möglicherweise fehlerhaften Widerrufsbelehrung profitieren?

Das ist grundsätzlich möglich. Wir sind im Einklang mit der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs der Meinung, dass bei einer fehlerhaften Widerrufsbelehrung keine Frist zu laufen beginnt. Demnach kann der Kreditvertrag noch nach Rückzahlung widerrufen und eine gezahlte Vorfälligkeitsentschädigung zurück gefordert werden. Banken argumentieren derzeit jedoch verstärkt mit dem Argument der Verwirkung. Wir raten dazu, nichts zu überstürzen, aber sich auch nicht zu lange Zeit zu lassen.

4. Ich weiß, dass die Widerrufsbelehrung in meinem Darlehensvertrag fehlerhaft ist. Meine Rechtsschutzversicherung verweigert jedoch die Unterstützung. Was kann ich tun?

Wir fragen für Sie gerne kostenlos bei Ihrer Rechtsschutzversicherung noch einmal nach. Schon häufig hat eine bloße Nachfrage zu einer erneuten Überlegung der Versicherung geführt. Im Übrigen hängt die Unterstützung von den Versicherungsbedingungen ab und häufig greift die Versicherung erst, wenn ein Rechtsstreit tatsächlich vorliegt. Dies ist erst der Fall, wenn die Bank z.B. einen Widerruf zurückgewiesen hat. Unabhängig davon sind 75% unserer Mandanten nicht rechtschutzversichert. Dies stellt für uns kein Problem dar.

5. Ich finde in meinen Darlehensvertragsunterlagen keine Widerrufsbelehrung (ING-Diba Juni 2006). Was nun?

Die Bank ist zur Belehrung über das Verbrauchern zustehende Widerrufsrecht verpflichtet, nicht Sie zur Vorlage der Belehrung. Kommt es also zu einem Rechtsstreit, muss die Bank beweisen, dass Sie belehrt wurden.

6. Unterstellt, die mir von meiner Bank zur Verfügung gestellte Widerrufsbelehrung ist fehlerhaft. Wie gehen Sie vor?

Wesentlicher Ansatz unserer Tätigkeit ist Ihr Interesse. Dieses loten wir daher gemeinsam aus. Üblicherweise versuchen wir einige Vorfragen per E-Mail oder am Telefon zu klären. Wichtige Vorfragen können sein z.B.: Können Sie die Restschuld mit liquiden Mitteln ablösen? Handelt es sich um ein verbundenes Rechtsgeschäft? Ist das Darlehen durch eine Grundschuld abgesichert? Anschließend stellen wir Ihren Anspruch in Absprache mit Ihnen gegenüber der Bank dar. Lesen Sie dazu auch unseren Blog-Beitrag „Widerruf eines Darlehensvertrags. So läuft es ab„.

7. Führt ein wirksam erklärter Widerruf meines Darlehens dazu, dass ich die Restschuld innerhalb kürzester Zeit an die Bank zurückführen muss? Kann es passieren, dass ich keine Anschlussfinanzierung bekomme?

Dieses Risiko besteht. Ihr Handeln muss daher genau überlegt sein. Allerdings: Während es vor ein paar Wochen offenbar zum Teil Probleme bei der Anschlussfinanzierung widerrufener Darlehensverträge gab und sich in der Folge Verbraucherzentralen beim Kartellamt entsprechend beschwert haben, kann hier mittlerweile Entwarnung gegeben werden. Lesen Sie dazu auch unseren Blog-Beitrag für weiterführende Informationen. Zudem: Aus unserer umfangreichen Praxis ist uns bislang kein Fall bekannt, wo ein Mandant am Ende mit leeren Händen dastand bzw. allein dem Rückzahlungsanspruch der Bank ausgesetzt war.

8. Wenn ich den Widerrufsjoker ausüben will, muss ich dann zum Widerruf und zur Umschuldung bereit sein?

Es ist grundsätzlich legitim, in Ansehung eines Rechtes darüber zu verhandeln, ob man dieses Recht auch ausübt. Insofern kann man auch dann, wenn einem die Ausübung des Widerrufs und die darauf folgende Umschuldung zu kompliziert ist, versuchen, mit der Bank günstigere Konditionen unter Fortführung des Darlehens auszuhandeln. Allerdings lässt sich nicht jede Bank darauf ein. In diesem Fall investiert man also die außergerichtlichen Anwaltskosten für die Chance einer erheblichen Verbesserung der Darlehenskonditionen; ob sich diese Chance realisiert, ist aber von Bank zu Bank und von Fall zu Fall unterschiedlich.

9. Können Rechtsanwälte, die viele Widerrufsmandate betreuen, aufgrund ihrer Erfahrung sicher voraussagen, welche Bank zu welchen Zugeständnissen bereit ist?

Eine solche Prognose des Verhandlungsergebnisses lässt sich kaum sicher erstellen. Denn viele der Banken haben keine einheitliche Strategie, wie sie auf den Widerruf oder Verhandlungen über bessere Konditionen reagieren. Das wäre auch nicht im Interesse der Banken, da ihr Reaktionsmuster sonst ausrechenbar wäre. Insofern sind Erfahrungswerte und Prognosen im Allgemeinen mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten. Da SYLVENSTEIN Rechtsanwälte zu den Vorreitern in Bereich Widerruf von Darlehensverträgen / Widerrufsjoker zählen, verfügen wir jedoch über eine Menge Erfahrung und lassen Sie an diesen Erfahrungen auch teilhaben.

10. Ich möchte auf keinen Fall eine langwierige gerichtliche Auseinandersetzung. Können Sie dies sicherstellen?

Nur die wenigsten Fälle enden tatsächlich vor Gericht – dies ist gut so. Je nach Ihrem Interesse signalisieren wir bereits im ersten Schreiben an die Bank Vergleichsbereitschaft. Wir halten nichts davon, unsere Mandanten ohne Not in langwierige und nervenaufreibende Gerichtsprozesse zu treiben. Zudem gilt weiterhin folgender Satz nicht ohne Grund: “Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand”.

11. Abschließend: Ist es eigentlich legitim und fair, gegen Banken auf diese Weise allein aufgrund von Formfehlern vorzugehen?

Dass die Rechtslage für Banken unvorteilhaft ist, verstehen wir. Gleichzeitig gilt es zu bedenken, dass hinter der scharfen Sanktion des Nicht-Beginnens der Widerrufsfrist das gesetzgeberische Kalkül steht, dass Unternehmer einen starken Anreiz haben sollen, bei der Erteilung der Widerrufsbelehrung überaus genau zu sein. Letztendlich hatte der Gesetzgeber damit ja auch Erfolg, denn im Zeitraum ab 2010 findet man ganz überwiegend korrekte Widerrufsbelehrungen. Wir sind insofern der Meinung, dass Verbraucherrechte keine Gnadenrechte sind. Zudem: Eine Motivationskontrolle findet beim Widerrufsrecht nicht statt. Wie es für den Widerruf eines Kaufvertrags über ein Paar Schuhe von einem Online-Versandhändler völlig unerheblich ist, warum der Verbraucher am Vertrag nicht festhalten möchte, so ist es auch bei Darlehensverträgen völlig unerheblich, weswegen Verbrauchern einen Widerruf erklären. Daher können wir keinen Rechtsmissbrauch erkennen.

Informieren Sie sich! Wir helfen Ihnen.

Lesen Sie auch unsere FAQ Beiträge vom 29. August 2014 und vom 22. Juli 2014. Hier finden Sie unter anderem Rechenbeispiele zum Widerrufs-Joker und weiterführende Fragen und Antworten. Informieren Sie sich weiter zum Thema Widerrufs-Joker, Vorfälligkeitsentschädigung, etc. im Rahmen der Rubrik News auf unserer Homepage. Über eine kostenlose Kurzanfrage erhalten Sie von uns innerhalb von 48 Stunden eine Ersteinschätzung der Chancen für einen Widerruf Ihres Darlehens.

Widerrufsjoker: Verwirkung oder Rechtsmissbrauch?

Im Umgang mit den sog. ewigen Widerrufsrechten von Verbrauchern infolge fehlerhafter Widerrufsbelehrungen gibt es zwischen Verbrauchern und Banken sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, ob Widerrufsrechte auch nach vielen Jahren der Vertragstreue ohne Vertragsreue noch ausgeübt werden können. Wir beschäftigen uns hier mit den häufig vorgebrachten Argumenten Verwirkung und Rechtsmissbrauch.

Banken zum Widerrufsjoker: Widerrufsrechte seien verwirkt bzw. rechtsmissbräuchlich

Während es durchaus eine Vielzahl von Banken gibt, die versuchen, mit den Verbrauchern eine Kompromisslösung zu finden, gibt es auch viele Kreditinstitute, die das Bestehen eines Widerrufsrechts pauschal abstreiten und allenfalls im Gerichtsprozess zu Zugeständnissen bereit sind. Die wichtigste Argumentationslinie der Banken lautet dabei: Nach vielen Jahren unbeanstandeter Durchführung des Darlehensvertrages sei das Widerrufsrecht verwirkt, denn nach so langer Zeit ohne ein Aufbegehren des Verbrauchers müsse die Bank nicht mehr mit einem Widerruf rechnen. Zudem sei es rechtsmissbräuchlich, wenn Verbraucher ihre Vertragserklärung mit einem völlig anderen Ziel widerriefen (Zinssenkung) als mit dem Widerrufsrecht eigentlich bezweckt sei (Übereilungsschutz).

Verwirkung: Es fehlt am sog. Umstandsmoment

Die Rechtsfigur der Verwirkung ist eine sehr selten genutzte und von den Gerichten nur in absoluten Ausnahmefällen angewendete Möglichkeit, einen eigentlich bestehenden Anspruch zu verwehren, weil sich der Anspruchsinhaber lange Zeit (sog. Zeitmoment) so verhalten hat, als würde er den Anspruch nicht geltend machen (sog. Umstandsmoment). In diesen Fällen kann dem Betroffenen die Ausübung seiner Rechte im Einzelfall versagt sein, wenn der Anspruchsgegner vertrauen durfte, er werde nicht mehr in Anspruch genommen werden. In den Fällen des Widerrufsjokers kann das Zeitmoment erfüllt sein, wenn der Darlehensvertrag bereits komplett abgewickelt ist und seitdem nicht nur einige, sondern viele Jahre verstrichen sind. Jedenfalls aber am Umstandsmoment wird es in aller Regel fehlen. Denn die betroffenen Banken haben kein schutzwürdiges Vertrauen in die Nichtausübung der Widerrufsrechte, weil das Gesetz seit jeher klarstellt, dass das Widerrufsrecht solange besteht, wie der Verbraucher nicht korrekt belehrt wurde. Der notwendige Schutz der Banken wird durch die Gesetzlichkeitsfiktion der Muster-Widerrufsbelehrung erreicht, weitergehender Schutz liefe sogar dem Zweck des Gesetzes entgegen, die Banken bis zur Erteilung einer korrekten Widerrufsbelehrung in der Verantwortung zu halten. Dies gilt umso mehr, als die betroffenen Banken und Bausparkassen jederzeit die kurze Widerrufsfrist durch eine nachträgliche korrekte Belehrung in Gang setzen konnten und können. Wenn sie aber auch im Nachhinein die richtige Belehrung unterlassen, um die Verbraucher nicht auf ihre gesetzlichen Rechte hinzuweisen, kann dies kein schutzwürdiges Vertrauen für die Nichtausübung des Darlehenswiderrufs begründen.

Rechtsmissbrauch: Der Widerruf kennt keine Motivationskontrolle

Das zweite zentrale Argument der Banken gegen den späten Widerruf von Verbraucherdarlehen unter Berufung auf eine fehlerhafte Widerrufsbelehrung ist der Rechtsmissbrauch. Verbraucher handeln den Banken zufolge rechtsmissbräuchlich. Denn mit dem Widerruf würden sie ein Instrument, das eigentlich für die kurzfristige Lösung von übereilt oder unüberlegt geschlossenen Verträgen bestimmt ist, mit dem Ziel der Lösung von unliebsamen Zinskonditionen zweckentfremden. In der Tat ist der Widerrufs-Joker für viele Verbraucher ein willkommenes Geschenk aus heiterem Himmel, mit dem sie von den aktuell günstigen Zinskonditionen profitieren wollen. Diese Motivation ist aber durchaus legitim, denn man mag es rechtspolitisch bedauern, aber das Widerrufsrecht kennt nun einmal keine Motivationskontrolle. Das Recht fragt nicht, aus welchen Gründen der Verbraucher seine Vertragserklärung widerruft. Das gilt für die bei Zalando in drei Größen bestellten Schuhe ebenso wie für Verbraucherdarlehen. Der Gesetzgeber hat die Möglichkeit fehlerhafter Widerrufsbelehrungen ja selbst gesehen und sich zugunsten des ewigen Widerrufsrechts für Verbraucher entschieden. Das hat aus der Perspektive der Verhaltenssteuerung durchaus positive Effekte, denn die Banken halten sich seit 2009 fast ausnahmslos an die gesetzlichen Bestimmungen – und dies tun sie nach allem Anschein nur, weil sie gemerkt haben, wie gefährlich nachlässig erteilte Widerrufsbelehrungen für sie sind. Deswegen ist es kein Rechtsmissbrauch, sondern ein vom Gesetzgeber grundsätzlich erwünschtes Phänomen, wenn Verbraucher ihre Widerrufsrechte ausüben. Rechtsanwälte als Organe der Rechtspflege sind ihrerseits in der Pflicht, die Ausübung von Widerrufsrechten maßvoll zu begleiten und die gesetzlichen Anwaltsgebühren nicht durch den Ansatz überhöhter Streitwerte in die Höhe zu treiben.

Informieren Sie sich über Ihre Rechte

Informieren Sie sich weiter zum Thema Widerrufs-Joker, Vorfälligkeitsentschädigung, etc. im Rahmen unserer FAQ und der Rubrik News auf unserer Homepage. Über eine kostenlose Kurzanfrage erhalten Sie von uns eine Ersteinschätzung der Chancen für einen Widerruf Ihres Darlehens.