SYLVENSTEIN Rechtsanwälte | 2015 Juni
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Juni 2015

Widerrufsjoker: Bankenstrategien gegenüber Verbrauchern

Beim Widerruf von Verbraucherdarlehen stoßen Verbraucher auf ganz unterschiedliche Reaktionen bei den Banken. Insofern erscheint es interessant, beim Widerrufsjoker Bankenstrategien auch einmal zu analysieren und zu dechiffrieren. Manche Kreditinstitute stellen sich völlig taub, andere gestehen zwar nicht unbedingt Fehler in der Widerrufsbelehrung ein, aber lassen zwischen den Zeilen erkennen, dass sie um die rechtlichen Risiken wissen, und sind zu einer vergleichsweisen Beilegung der Angelegenheit bereit. Im Folgenden eine Übersicht der typischsten Bankenstrategien.

Die Totsteller: Vertrauen auf die Mutlosigkeit der Kunden

Manche Banken haben eine sehr simple Strategie: Sie stellen sich tot. Das Kalkül dahinter ist klar: Manch ein Verbraucher wird sich das nicht bieten lassen und vor die Gerichte ziehen, aber die meisten Kunden verspüren ein gewisses Unbehagen im Umgang mit Anwälten und Gerichten. Sie haben Sorge, auf ihren Prozesskosten am Ende sitzen zu bleiben. Deswegen haben sie ein sog. rationales Desinteresse an einer Verfolgung ihrer Rechte. Für die Bank ist das gut, denn für diese klageskeptischen Kunden müssen sie weder Sachbearbeiter noch Anwälte beschäftigen. Die Kunden, die sich in ein Gerichtsverfahren trauen, können sie dann immer noch mit einem Vergleich abfinden.

Die Hinhalter: Erkrankte Sachbearbeiter, während die Zinsen wieder steigen

Eine andere Strategie: Man antwortet dem Kunden oder seinem Anwalt durchaus auf seine Schreiben, das aber immer nur verzögert und mit dem Hinweis auf eine längere Reaktionszeit wegen der vielen Anfragen, wegen der Urlaubszeit oder wegen eines erkrankten Sachbearbeiters. Derweil steigen womöglich die Kreditzinsen wieder, so dass der Kunde, wenn er sich durch die Hinhaltetaktik nicht ohnehin zermürben lässt, am Ende nicht mehr den zwischenzeitlichen Optimalzinssatz erhält.

Die Trippelschreiter: Zugeständnisse, aber nur scheibchenweise

Wieder andere Kreditinstitute reagieren auf die Forderungen von Verbrauchern und ihren Anwälten, aber immer nur in Trippelschritten. Fordert der Verbraucher zum Beispiel eine Vorfälligkeitsentschädigung von 50.000 € zurück, bietet die Bank erst einmal 10.000 € an. Beim zweiten Schreiben sind es vielleicht 15.000 €, in der dritten Runde 17.500 € usw. Die Zugeständnisse werden immer weiter halbiert, bis sich der Schriftverkehr irgendwann totläuft. Der Vorteil für die Bank: Man bleibt im Gespräch und die Gefahr ist gering, plötzlich doch vom Kunden verklagt zu werden.

Die Kritikfähigen: Guter Service sichert den Kunden von morgen

Andere Banken wissen nicht nur, dass die Rechtslage für sie heikel ist, sondern sie sind auch bereit, mit dem Kunden fair darüber zu sprechen. Das führt in der Praxis dazu, dass häufig zügige Vergleiche geschlossen werden, die dem Verbraucher mindestens einen guten Teil seiner Forderung erfüllen. Gleichzeitig weiß der Kunde die kooperative Haltung der Bank zu schätzen und bleibt vermutlich auch für die Zukunft ein treuer Kunde.

Die Anwaltsbeantworter: Verbraucher werden nicht ernst genommen

Bei vielen Kreditinstituten tut sich erst dann etwas, wenn der Verbraucher sein Anliegen mit anwaltlicher Hilfe unterstreicht. Fragt der Kunde ohne Anwalt höflich nach, bekommt er zur Antwort, seine Widerrufsbelehrung sei vollkommen korrekt und wenn ihm an einer weiterhin kooperativen Kundenbeziehung gelegen sei, solle er die Sache nicht weiterverfolgen. Bei dieser Ansage wird allerdings manch einer hellhörig. Die Bank wird dann allerdings in der Regel erst wieder gesprächsbereit sein, wenn der Verbraucher einen Anwalt einschaltet.

Die Anwaltsmeider: Kommunikation nur ohne Anwalt

Kurioserweise gibt es auch die umgekehrte Situation: Banken sind zu gewissen Zugeständnissen bereit, solange kein Anwalt mit der Sache befasst ist. Kommt ein Anwalt ins Spiel, macht diese Sorte Bank die Schotten dicht und mutiert zum Typ Totsteller. Um auszuschließen, dass dies passiert, ist es im Einzelfall angezeigt, dass Verbraucher die Bank zunächst alleine kontaktieren. Anwälte wissen allerdings in der Regel, bei welchen Banken diese Strategie zu befürchten ist, und können Mandanten darauf hinweisen.

Widerrufsjoker: Bankenstrategien verstehen und richtig reagieren

Insgesamt lässt sich sagen: Es ist wichtig, beim Widerrufsjoker Bankenstrategien zu erkennen und angemessen zu reagieren. Nicht jede Bank lässt sich klar einem Strategietyp zuordnen. Manche Banken wechseln auch ihre Strategie mit der Zeit, weil sie eine neue Taktik ausprobieren oder von Anwälten nicht ausrechenbar sein möchten. Verbraucher sollten beim Anwalt Ihres Vertrauens zunächst die Widerrufsbelehrung kostenlos prüfen lassen und dann ggf. den Darlehenswiderruf überlegt ausüben.

Widerrufsjoker: Lohnt sich ein Ombudsmannverfahren?

Momentan widerrufen zahlreiche Verbraucher ihren Darlehensvertrag unter Hinweis auf eine fehlerhafte Widerrufsbelehrung mittels des sog. Widerrufsjokers. Dabei scheuen die meisten Verbraucher jedoch den Gang vor Gericht wegen des Kostenrisikos und der unter Umständen langen Verfahrensdauer im Prozess.

Eine weitere Möglichkeit, den Streit über die fehlerhafte Widerrufsbelehrung mit der Bank beizulegen, bietet ein Schlichtungsverfahren durch einen sog. Ombudsmann. In diesem Verfahren sollen Rechtsstreitigkeiten zwischen Verbrauchern und Unternehmen außerhalb des Rechtsweges einvernehmlich geklärt werden sollen. Ombudsmänner gibt es in Deutschland für mehrere Branchen, u.a. auch für den Bereich der Banken. Als Voraussetzung für das Ombudsmannverfahren darf die Streitsache vorher nicht rechtshängig gewesen sein oder anhängig gemacht werden.

Widerrufsjoker: Wie läuft das Ombudsmannverfahren ab?

Das Ombudsmannverfahren verläuft grundsätzlich wie ein schriftliches Verfahren vor Gericht: Es ist eine zulässige Beschwerdeschrift einzureichen, die die Gegenseite zur Stellungnahme binnen Monatsfrist erhält. Eine Beweisaufnahme findet dabei nicht statt, es sei denn der Beweis kann durch die Vorlage von Urkunden angetreten werden. Eine große Besonderheit ist, dass das Verfahren für den Verbraucher kostenfrei ist, bis auf etwaige eigene Anwaltskosten. Meist ist der Spruch für die Bank bindend: Beim Bundesverband deutscher Banken ist eine Entscheidung zulasten privater Banken bis zu einem Betrag von EUR 10.000 einseitig bindend, darüber hinaus lediglich eine Empfehlung. Für den Verbraucher besteht bei Ablehnung durch den Ombudsmann weiterhin die Möglichkeit der Klage. Die Verjährung ist während des Ombudsmannverfahrens gehemmt.

 

Ombudsmannverfahren: Niedrige Spruchquote zugunsten der Verbraucher

Grundsätzlich kann jeder zum Ombudsmann berufen werden, soweit er die Befähigung zum Richteramt nachweist. Nach der Ernennung zum Ombudsmann ist eine fachliche Fortbildung nicht festgeschrieben. Meist ist die Amtsdauer mindestens drei Jahre, wobei eine Wiederwahloption ausdrücklich vorgesehen ist. Diese wird von den meisten Ombudsmännern angestrebt.

Der Ombudsmann wird ausschließlich von dem wirtschaftlichen Interessenverband finanziert, dem der Beschwerdegegner angehört. Aufgrund der Finanzierung der Banken stehen die Chancen für den Verbraucher somit nicht besonders gut für ein positives Urteil seitens des Ombudsmannes. Dies belegen auch die statistischen Aussichten für den Verbraucher in bankrechtlichen Angelegenheiten. Lediglich in 16 % der Fälle aus dem Jahr 2013 wurde ein Schlichterspruch zugunsten des Verbrauchers entschieden. Dabei lehnten die Verbraucher mit einer Quote von 91 % die Vorschläge der Ombudsmänner ab, die Banken akzeptierten 71 % der Vorschläge. Damit weist die Quote der Schlichtungsstelle der öffentlichen Banken eine extrem niedrige Akzeptanzquote auf.

 

Weiterführende Informationen

Informieren Sie sich weiter zum Thema Widerrufsjoker, Vorfälligkeitsentschädigung, etc. im Rahmen unserer FAQ und der Rubrik News auf unserer Homepage. Über eine kostenlose Kurzanfrage erhalten Sie von uns zudem eine Ersteinschätzung der Chancen für einen Widerruf Ihres Darlehens.

Langer Atem für den Widerrufsjoker

Zurückweisung trotz fehlerhafter Belehrung beim Widerrufsjoker

Durch das große Medienecho in zahlreichen Printmedien (z.B. Handelsblatt, FAZ, Finanztest und Focus) sind viele Verbraucher wachgerüttelt und widerrufen ihre Darlehensverträge wegen ihrer fehlerhaften Belehrung mithilfe des sog. Widerrufsjoker. Doch wegen der großen finanziellen Risiken haben die Banken inzwischen zahlreiche Taktiken entwickelt, um die Widerrufe der Verbraucher zurückzuweisen. Diese Zurückweisung geschieht aber häufig zu Unrecht.

Durch die große Anzahl an Fällen sind die Banken überlastet und der Widerruf gelingt in den meisten Fällen nur noch mit anwaltlicher Hilfe.

Langer Atem für den Widerrufsjoker nötig

Doch Verbraucher benötigen bei Einsatz des sog. Widerrufsjoker momentan einen langen Atem, auch bei Einschaltung eines Anwalts. Für zahlreiche Banken bedeutet der momentane Widerruf zahlreicher Darlehensverträge, insbesondere im Bereich der Immobilienfinanzierung, eine große Belastung. Viele Banken versuchen die Anfragen der Verbraucher auszusitzen, um den schlafenden Riesen, der in ihren Bilanzen schlummert, möglichst nicht zu wecken. Innerhalb der Jahre 2002 bis 2010 wurden über 10 Millionen Immobiliendarlehensverträge abgeschlossen, welche durch die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes (BGH) zugunsten der Verbraucher größtenteils widerrufen werden können.

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